analogunddigital - analog und digital 1991

analog und digital

otl aicher analog und digital 1991 - foto andreas görres

 

Analog (altgriechisch für verhältnismäßig) steht umgangssprachlich auch für: Vergleichbar durch sinngemäßes Übertragen. Das beste Beispiel im allgemeinen Sprachgebrauch ist die Uhr mit Zeigern anstatt digital angezeigten Ziffern.

Otl Aicher hat sich bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mit philosophischen und weltanschaulichen Fragen auseinandergesetzt. Im Jahr 1979, also noch vor dem Durchbruch des Personal Computers, veröffentlichte er einen Betrag dazu in den theologischen Quartalsheften.

analog und digital war 1991 nach innenseiten des krieges eines der ersten Bücher von Otl Aicher, welches unter seinem Namen veröffentlicht wurde, bei dem nicht seine grafischen Arbeiten im Vordergrund standen, sondern seine Philosophie des Machens und seine hinter der Gestaltung stehende Haltung.

Der Titel analog und digital fußt auf seiner Erkenntnis, dass eine Synthese dieser beiden Pole erforderlich ist, weder das rein analoge Vorgehen, noch der Glaube an die Macht der Digitalisierung führen uns zum Ziel.

Analog bedeutet in diesem Zusammenhang auch, dass wir auf den digitalen Anspruch des wissenschaftlichen Arbeitens: des Zählens, Messens und Vergleichens bewusst verzichten und dafür subjektiv kommentieren, bewerten und versuchen zu begreifen.

analog und digital, 1991 (foto: andreas görres)
© ernst & sohn, berlin

 

In der Einführung zum Buch schreibt Wilhelm Vossenkuhl:

„Ein wesentlicher Aspekt der Arbeiten von Aicher ist deren Verankerung in einer von Denkern wie Ockham, Kant oder Wittgenstein inspirierten „Philosophie des Machens“, die die Voraussetzungen und Ziele sowie die Gegenstände und Ansprüche von Gestaltung zum Thema hat. Aichers Schriften zu Fragen des Designs von der visuellen Gestaltung bis hin zur Architektur liegen in diesem Band in geschlossener Form vor. Wenn Aicher das Analoge und Konkrete dem Digitalen und Abstrakten vorzieht, tut er dies mit philosophischer Absicht. Er relativiert die Rolle der reinen Vernunft. Er kritisiert den Rationalismus der Moderne als Ergebnis der Vorherrschaft des bloß abstrakten Denkens. Wer das Abstrakte dem Konkreten vorzieht, missversteht nicht nur die wechselseitige Abhängigkeit von Begriff und Anschauung. Er schafft nach Aichers Urteil auch eine falsche Hierarchie, eine Rangordnung, die kulturell verhängnisvoll ist. Das digitale, Abstrakte ist nicht höher, größer und wichtiger als das Analoge, Konkrete.“

Quelle: www.amazon.de/Analog-Digital-schriften-philosophie-machens-ebook

An gleicher Stelle findet sich eine lesenswerte Bewertung und kurze Zusammenfassung des Buches:

„Zunächst einmal scheint der richtungsweisende Grafikdesigner und Gestalter Otl Aicher den Blocksatz zu verachten, da zu technisch und funktional und so wurde dieses Buch im Flattersatz gesetzt, was ihm eine eigene Ästhetik verleiht. Hinzu kommt, dass Aicher die Bedeutung von Substantiven für überbewertet hielt und ihre Großschreibung boykottierte. Nach seinem Verständnis sind Verben wichtiger, denn sie stehen für die Tat und den Fluss des Schaffens, während Substantive feststehende, unveränderliche Größen sind und daher einen niederen Stellenwert besitzen. Glücklicher Weise hat er auf die Großschreibung von Verben verzichtet und einen Kompromiss gefunden, indem er alles in Kleinbuchstaben gesetzt hat. Natürlich in seiner eigenen Schrift: Rotis Serif. Das Lesen wird damit auf die Dauer etwas anstrengend, da der Leser oft nicht weiß, wo ein Satz endet und ein neuer beginnt. Auch ist die Kleinschreibung von Namen und Kunststilen etwas gewöhnungsbedürftig.

Das Auge und das Denken sind eine Einheit, während sich das abstrakte Denken des Verstandes davon abgekoppelt und nun ein Eigenleben entwickelt hat. Das Ergebnis dieses Eigenlebens ist die Welt der Größen, der Maße, der Raster, der Statistik und der Berechnung. Kurz: Die exakte Welt ist die falsche Welt, denn sie hat nichts mehr mit dem Menschsein zu tun. Sie ist lediglich ein Werkzeug, das sich nun verselbstständigt und eine entstellte Kultur hervorbringt, die uns ihre Maßstäbe der Exaktheit und Perfektion aufzwingt. Am Ende dieser Entwicklung steht die digitale Welt, die weit entfernt vom Konkreten nur noch abstrakte Werte aufzeigt. Aicher spannt einen Bogen, beginnend mit der Architektur der Gotik und Renaissance über die Industrialisierung, Kants Kritik an der reinen Vernunft, Descartes, Wittgenstein und Bauhaus bis hin zur heutigen bunten Werbewelt, in der Design auf die reine Funktion des Konsums reduziert wird. Dieses Phänomen hat einen Namen und nennt sich: Lifestyle.

Seine Kritik gründet darauf, dass wir unsere Sinneswahrnehmung am Endprodukt des Massenkonsums orientieren, dessen Sinn wiederum nur in Tabellen und Zahlen besteht, die unsere Effizienz aufzeigen. Design ist zu einem Verfallsprodukt geworden, das dafür sorgt, dass permanent neue Produkte geschaffen werden, sobald das alte Design nicht mehr dem Zeitgeist (Lifestyle) entspricht. Deutlich ist dies an solchen Produkten zu erkennen, die Designsprache als einziges Verkaufsargument verwenden. Design ist jedoch viel mehr als nur Berechnung – es ist ein Schaffensprozess, der den ganzheitlichen Sinn einer Sache verkörpert und damit die organische Verbindung zur menschlichen Denkkultur vermittelt. Diese Denkkultur wird nun auf eine rationale Ebene reduziert, die immer mehr in alle Bereiche der Gesellschaft vordringt und sich in einer digitalen Anschauung der Welt fortsetzt. Der Mensch ist jedoch ein analoges Wesen. Er definiert sich durch sein Tun und nicht durch abstrakte Systeme, die Werte lediglich simulieren und sich von ihnen längst abgekoppelt haben.“

Quelle: abraxas, abgerufen am 09.04.20

www.amazon.de/Analog-Digital-schriften-philosophie-machens-ebook

 

Im ersten Kapitel greifen und begreifen führt Aicher die Leser*innen in seine Gedanken- und Erfahrungswelt ein (S. 19):

die relationen zwischen denken und körper sind so eng, daß das, was im denken geschieht, oft in der sprache der hände beschrieben wird. geist ist offenbar weniger in der der transzendenz als in der hand angesiedelt. weil die hand greifen kann, kann auch das denken begreifen. weil die hand fassen kann, erfassen wir auch etwas in unserem kopf. weil die hand etwas vor uns hinstellen kann, können wir auch etwas durch denken darstellen. weil die hand legen kann, legen wir auch im denken etwas dar. und legen nicht nur dar, wie überlegen, wir legen aufeinander, übereinander. wir stellen nicht nur fest, wir stellen auch auf, eine neue these zum beispiel. wir begreifen nicht nur, wir erfassen nicht nur, wir befassen uns mit etwas, wir wenden und drehen etwas und gelangen schließlich zu einer auffassung.
etwas begriffen haben, steht nicht nur in einer bildlichen analogie mit dem tatsächlichen greifen. die kultur des denkens setzt eine kultur der hand als einem subtilen, sensitiven organ voraus. wenn die hand sich entfalten darf, wenn sie nicht nur arbeitet, sondern auch spielt, wenn sie wahrnehmungen macht, wird sich auch der geist freier entfalten. die plastik der hand ist die plastik des denkens. der begriff ist das begriffene.
nur noch mit dem auge, mit dem sehen, verbinden wir eine ähnliche fülle von worten und begriffen, um denkprozess zu bezeichnen. wir durchschauen und übersehen, wir entwickeln weltanschauungen, perspektiven und blickpunkte.

 

Im Kapitel analog und digital verdeutlicht Aicher seine Erwartungen und Einschätzungen zum „Sieg“ des Digitalen (S.46), vierzig Jahre vor der großen Digitalisierungsoffensive der Bundesregierung im Jahr 2019:

hier ergibt sich ein wichtiger schlüssel zum verständnis moderner kommunikationstechniken. die ersten elektronischen rechner waren analogrechner, die heutigen sind digitalrechner.
bei elektrischen prozessen kann man geschwindigkeit vernachlässigen. infolgedessen war der sieg der digitalrechner zwangsläufig. ihre umwege, ihre primitiven prozesse, ihr vereinfachtes zahlensystem fallen nicht ins gewicht. da sie mit lichtgeschwindigkeit arbeiten, sind sie mit ihrem resultat immer zuerst da, egal auf welch umständliche art sie zu ihrem resultat gekommen sind.
dieser sieg ist so immens, dass ein digitales zeitalter angebrochen zu sein scheint. die menschen legen ihre alten uhren in die schublade und kaufen sich digitaluhren, die im jahr weniger als eine minute falsch gehen. vielleicht wäre der sieg nicht so eindrucksvoll ausgefallen, wenn nicht zwei voraussetzungen hinzugekommen wären: der unaufhaltsame fortschritt der der bürokratie und der erfolg der statistik. […]
schon können wir uns dem zwang der digitalen methode nicht mehr entziehen. der wandel in unserer kultur, in unserem verhalten, in unserem verständnis der welt ist beeindruckend. fast jeder mensch hat bereits eine zweite natur, seine existenz als größe von zahlen und werten.

In seinem Nachwort zu analog und digital schreibt Aicher:

auch in der grafik geht es in hohem maße darum, von der mathematisierung loszukommen, in die diese durch den einfluß etwa der konkreten kunst geraten war. visuelle sprache als mitteilung zu verstehen heißt, aus dem bann exakter, syntaktischer regelspiele herauszutreten und sich der kommunikativen leistung zuzuwenden, dem, was sie an mitteilung anzubieten hat:

 

 


 

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reinhard k. sprenger

 

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